Tag sechs beim Race Across America hatte für Philipp Kaider alles zu bieten: strömenden Regen, schwierige Straßenverhältnisse, Polizeikontakt, ein kleiner Sturz, Reifenpannen und einen weiteren bedeutenden Meilenstein auf dem Weg zur Ostküste.
Die Nacht verbrachte das Team erstmals in einem Motel. Am Morgen führte die Strecke durch Missouri in Richtung Jefferson City. Der Start in den Tag verlief allerdings alles andere als einfach. Nach der Schlafpause kämpfte Kaider zunächst mit starken Knieschmerzen und benötigte einige Zeit, um seinen Rhythmus zu finden. „Dann ist er aber gut reingekommen”, berichtet Crew Chief Dominik Tantscher.
Regen als Motivation
Für zusätzliche Motivation sorgte das Wetter – und das ausgerechnet in Form von Regen. Während viele Athleten die nassen Bedingungen scheuen würden, genoss Kaider die Abwechslung sichtlich. Vielleicht auch deshalb, weil er endlich die neue Regenjacke testen konnte. „Er ist voll happy und ihm taugt es total”, erzählt Physio Madeleine Frühwirth. „Für uns ist das völlig unvorstellbar. Er ist einfach crazy. Aber wenn er happy ist, sind wir es umso mehr.”
Schließlich kennt er Regen beim RAAM bereits aus dem Vorjahr, als er auf der zweiten Rennhälfte nahezu täglich mehrere Stunden unter nassen Bedingungen unterwegs war. Für gute Laune sorgt bei Kaider auch ein anderes Ritual: Kaffee. Sein Urteil über amerikanischen Kaffee fällt dabei gewohnt ehrlich und direkt aus: „Scheiße! Aber weißt du, was noch gschissener schmeckt? Gar kein Kaffee.”
Highway-Hölle Richtung Jefferson City
Die größte Herausforderung des Tages wartete jedoch auf dem langen Highway-Abschnitt Richtung Jefferson City. Starker Verkehr, Regen und ein äußerst schlechter Straßenbelag machten die Passage zu einer nervenaufreibenden Angelegenheit. „Eigentlich hätten wir auf dem Pannenstreifen fahren sollen, aber dort lag so viel Dreck, dass ich bereits einen Defekt hatte. Die Straße war voller Schlaglöcher und in einem extrem schlechten Zustand”, schildert Kaider vom Rad herunter. Zeitweise wich das Team auf die rechte Fahrspur aus, bis ein Sheriff die Weiterfahrt dort untersagte. Also ging es zurück auf den Pannenstreifen. „Der Abschnitt war rund 60 Kilometer lang. Die Straße war so schlecht, dass man teilweise nur im Stehen fahren konnte. Du bekommst einen Schlag nach dem anderen und irgendwann werden die Hände taub.”
Doch genau diese Extrembedingungen scheinen den 40-Jährigen zusätzlich anzuspornen. „Es ist schräg: Je extremer es wird, desto mehr taugt es mir. Aber nur im Rennen. Es ist nicht so, dass ich mir das wünsche, aber wenn es dann so kommt, finde ich es irgendwie nicht schlimm.”
Physio vor dem Kapitol
Nach dem kräftezehrenden Abschnitt legte das Team einen Zwischenstopp mit beeindruckender Kulisse ein: Direkt vor dem Kapitol von Jefferson City wurde Kaider physiotherapeutisch behandelt. Vor allem der Nacken und der Schulterbereich bleiben aufgrund der vielen Stunden auf dem Zeitfahrrad permanente Baustellen. „Seinen Nacken haben wir mittlerweile unglaublich gut im Griff. Er spricht sehr gut auf die Physiostopps an”, berichtet Frühwirth. Neben der Behandlung standen auch die tägliche Pflege und laufenden medizinischen Checks auf dem Programm.
Pannenwechsel in Rekordzeit
Kaum wieder unterwegs, folgte die nächste Herausforderung: Ein tiefes Schlagloch verursachte die zweite Reifenpanne des Tages. Dominik Schickmair (selbst amtierender österreichischer Meister im 2er-Team auf der Ultradistanz) reagierte routiniert und wechselte den Tubeless-Reifen in nur dreieinhalb Minuten.
Powernaps und wachsende Unterstützung
Die Müdigkeit wird mittlerweile zunehmend zum Thema. Deshalb setzte das Team erstmals gezielt auf kurze Powernaps – viel später als im Vorjahr. Mit Erfolg: Nach einem kurzen Schlaf kehrte Kaider geistig deutlich erfrischt auf die Strecke zurück.
Die Landschaft verändert sich zunehmend. Aus den weiten, ländlichen Regionen werden immer häufiger amerikanische Kleinstädte und urbanere Gebiete. Gleichzeitig wächst die Unterstützung entlang der Strecke. Immer mehr Zuschauer erkennen den Österreicher, feuern ihn an oder sprechen das Team an.
„Die Fans freuen ihn riesig”, erzählt das Betreuerteam. „Im Westen war er oft völlig allein unterwegs. Jetzt ist diese Unterstützung eine willkommene Abwechslung.”
Auch die Resonanz in den sozialen Medien nimmt weiter zu. Immer wieder bieten Menschen entlang der Route ihre Hilfe an. Kaider und seine Crew wurden, wenn notwendig, auch bereits spontan zum Duschen und Schlafen eingeladen.
Mississippi überquert
Während der Nacht wurde ein weiterer wichtiger Meilenstein erreicht. Das Team überquerte den Mississippi River und erreichte mit Illinois bereits den nächsten Bundesstaat. Eine RAAM-Weisheit besagt: „Wer den Mississippi als Erster überquert, kommt auch als Erster in Atlantic City an.” Zwei Drittel der Strecke sind absolviert, 1500 lange Kilometer mit den zermürbenden steilen Appalachen stehen aber noch an. Viel zu früh, um hier eine Prognose abzugeben. Fest steht, dass der Niederösterreicher aber bereits 36 von 54 Timestations hinter sich gelassen hat und trotz Knieschmerzen, Regen, Verkehr, einem kleinen Sturz und zweier Reifenpannen einen weiteren erfolgreichen Tag auf seinem Abenteuer durch die USA hatte.
Foto: Joe Ambrosch — © Joe Ambrosch